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Erlebnisse aus dem Café

Dampfnudel-Blues

,,Nostalgie" heißt das kleine Café am Ortsrand, Bunte Sammeltassen baumeln in der Akazie vor dem Eingang. Eine erinnerungsträchtige Einladung. Sammeltassen waren zu meiner Jugendzeit ein gefürchtetes Geschenk zur Konfirmation. Beliebt bei Onkel und Tanten. Die Konfirmanden konnte man damit allerdings nicht glücklich machen. Neben dem Baum stand eine Schiefertafel ,,Heute Dampfnudel mit Kartoffelsuppe", hausgemacht.

Jetzt war ich neugierig geworden. Schon beim Betreten des Cafés empfängt mich eine heimelige Atmosphäre. Das Ambiente hielt, was der Name versprach. Antike Tische, samtgrüne Sofas, alte sepiafarbene Fotografien, Porzellangeschirr mit Blümchen und Goldrand. An der Decke baumelten alte Musikinstrumente und sogar ein kleiner Holzschlitten. Man muss schon einige Stunden hier verweilen, um alle antiken Schätze zu bewundern. Es duftete einladend nach Kaffee und vor allem nach Dampfnudel. Nach dem Saumagen ein beliebtes Kurpfälzer Nationalgericht. Ich ließ mich auf einem Plüschsofa nieder und bestellte ,,Dampfnudel, Kartoffelsuppe und Weinsoße". Alles hausgemacht und frisch zubereitet, wie mir die eilfertige Chefin versicherte.

Die Wartezeit verbrachte ich mit meiner Lieblingsbeschäftigung: Menschen studieren. Das liefert oft Stoff für eine kleine Geschichte. So auch heute. Am Tisch gegenüber fiel mir ein alter Mann auf. Er hatte das Tagesgericht schon genossen und war am bezahlen. Danach ging er zur Garderobe, schlüpfte in seine Jacke, hielt einen Moment inne, zog die Jacke wieder aus und setzte sich nochmal auf seinen Platz.

Er rief nach der Chefin und gab eine Bestellung auf:
,,Einmal Dampfnudel, Kartoffelsuppe und Weinsoße!"
Die Chefin schien irritiert. ,,Zum mitnehmen?"
,,Nein für hier!"
Verlegenes Schweigen.
,,Aber Sie haben doch schon gegessen... und bezahlt haben Sie auch."
Offenbar dachte sie, es mit einem dementen Menschen zu tun zu haben, der vergessen hatte, daß er bereits gegessen hat. So schonend und höflich wie möglich versuchte sie, dem alten Herrn zu erklären, daß er sein Mittagsessen bereits hinter sich hatte.
,,Ich will aber nochmal eine Dampfnudel, Kartoffelsuppe und Weinsoße!"
Der Ton war jetzt leicht trotzig, der Kopf auffallend gerötet.
Die Wirtin gab auf.
Schon nach wenigen Minuten brachte sie eilig das gewünschte Essen. Sie war verunsichert und beobachtet den Mann misstrauisch von der Theke aus. Der aber schien zufrieden und aß mit offensichtlichem Behagen seine Teller leer. Als es das zweite Mal ans Bezahlen ging, konnte sich die Köchin, mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme, eine Frage nicht verkneifen: ,,Hat es Ihnen so gut geschmeckt bei uns?"
,,Es war wunderbar! Genau so hat meine Frau immer gekocht!"
Sein Blick ging auf ein gerahmtes Foto, das neben dem Suppenteller stand.
,,Ist das Ihre Frau?"
,,Ja, sie ist vor 2 Wochen gestorben".

Trauerbewältigung kann viele Gesichter haben. Manchmal auch die Form einer Dampfnudel.
Helga Brugger